GWTF-Jahrestagung
Berlin, 30. November bis 2. Dezember 2001

Erfolgsbedingungen heterogener Kooperationen in Wissenschaft und Technik

GWTF e.V.

Call for papers | Abstracts der Beiträge | Tagungsbericht | Tagungspublikation bei Leske + Budrich

'Heterogen' nennen wir eine Kooperation, an der Akteure aus verschiedenen Kontexten beteiligt sind. Die Kooperationspartner stammen aus verschiedenen Fachgebieten und arbeiten an unterschiedlichen Orten oder in verschiedenen Organisationen. Ihre Ziele und Interessen unterscheiden sich ebenso wie die Perspektiven auf den Gegenstand der Kooperation und das Wissen, das sie in die Kooperation einbringen. Damit sind Kommuni-kationsprobleme, kulturelle Konflikte und Zielkonflikte scheinbar unausweichlich. Dennoch werden heterogene Kooperationen angestrebt und häufig als erfolgreich wahrgenommen . Die Tagung soll sich mit Erfolgsbedingungen heterogener Kooperationen in Wissenschaft und Technik beschäftigen. Wir wollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede heterogener Koopera-tionen erkunden und den Erfahrungsaustausch derer anregen, die solche Kooperationen gestalten. Dabei möchten wir uns auf Kooperationen beschränken, in denen die Heterogenität aufrechterhalten wird, in denen gerade die Aufrechterhaltung der Verschiedenartigkeit der Partner etwas Neues entstehen lässt.

Die Vielfalt heterogener Kooperationen lässt sich entlang verschiedener Dimensionen beschreiben, von denen wir hier einige vorschlagen. Eine erste, durch die Differenz von Wissenschafts- und Technikforschung nahegelegte Dimension ist die der 'Wissenschafts- bzw. Technikhaltigkeit' der Kooperation: Reine Forschungskooperationen können ebenso hetero-gene Kooperationen sein wie die Zusammenarbeit bei reinen Technikentwicklungsprozessen. In beiden aber wird Technik verwendet und kommen Techniken zum Einsatz. Die variierenden Verwendungsweisen von Technik können unterschiedliche Kooperationsmuster entstehen lassen. Zwischen den Polen reiner Forschung und reiner Technikentwicklung finden wir ein weites Spektrum von Kooperationen, in denen Forschung in die Technikgestaltung oder Technikentwicklung in die Forschung eingelagert ist. Dieser Bereich ist besonders interessant, weil heute wesentliche Innovationen gerade an der Schnittstelle von reiner Wissenschaftsentwicklung und reiner Technikentwicklung entstehen.

Eine zweite Dimension ist die räumliche 'Verteiltheit'. Die klassische wissenschaftssoziolo-gische Forschung hat vor allem lokale interdisziplinäre Kooperationen untersucht. Räumlich verteilte Kooperationen wurden ursprünglich unter das Konzept der 'specialty' subsumiert und nur selten als Kooperationen konkreter Akteure behandelt. Wie tragfähig ist hier der Kooperationsbegriff? Lässt sich verteilte Arbeit, bei der alle ihre Ergebnisse in einen gemeinsamen Pool einspeisen, von räumlich verteilten, zweckgebundenen Kooperationen in Netzwerken unterscheiden? Gibt es Grade von räumlicher Verteiltheit, und wie beeinflussen diese den Verlauf von Kooperationen? Kann räumliche Nähe fachliche Differenzen kompensieren, oder gibt es institutionelle Arrangements, die als funktionale Äquivalente zur räumlichen Nähe dienen können?

Damit ist bereits die Zeitdimension angesprochen. Heterogene Kooperationen können drei Wochen dauern oder auf einen beliebig langen Zeitraum angelegt sein, die sozialen Mechanismen der Entstehung, Koordinierung und Stabilisierung von Kooperationen dürften entsprechend variieren. Im Zusammenhang damit steht der Grad der Fokussierung von heterogenen Kooperationen (der aber nicht auf die Zeitdimension reduzierbar ist). Kooperationen können auf ein gemeinsames Produkt ausgerichtet sein und sich nach Erreichen dieses Ziels auflösen, oder sie können ergebnisoffen und damit auf unbestimmte Dauer angelegt sein. Aus beiden Perspektiven – Dauer und Grad der Fokussierung – ist von Interesse, wie die Kooperation stabilisiert wird, Unter welchen Bedingungen entstehen produktorientierte und ergebnisoffene heterogene Kooperationen, und wie werden sie stabilisiert? Welche Konsequenzen hat die dauerhafte Beteiligung an heterogenen Kooperationen für die Kooperationspartner in ihren 'Heimatkontexten', d.h. in den Organisationen oder Fachgebieten, aus denen heraus sie zur Kooperation beitragen?

Der Grad der fachlichen 'Verteiltheit' lässt sich an den Unterschieden zwischen den verschiedenen 'Heimatkontexten' der Kooperationspartner sowie zwischen Heimatkontexten und Kooperationskontext ablesen. Diese Unterschiede erzeugen das kognitive Spannungsfeld, das in heterogenen Kooperationen bewältigt werden muss. Die daraus entstehende Kooperationsdynamik kann ganz unterschiedlich aussehen: Das Spektrum reicht von allmählicher Auflösung der Differenz und Integration der Partner in ein neues, durch den Kooperationskontext gebildetes Arbeitsfeld bis hin zur Aufrechterhaltung der Differenz und wechselseitigen Stabilisierung der heterogenen Kontexte.

Die Variation in diesen Dimensionen erzeugt eine große Vielfalt heterogener Kooperationen. Um die wissenschaftlichen und praktischen Beiträge zur Tagung aufeinander beziehen zu können, wollen wir deshalb von der zuletzt genannten Spannung zwischen Kooperations-kontext und Heimatkontexten ausgehen und folgende Fragen in den Mittelpunkt der Konferenz stellen:

1) Welche Probleme entstehen aus dem Spannungsfeld zwischen Heimatkontext(en) und Kooperationskontext für die Praxis heterogener Kooperation? Wo liegen typische neuralgische Punkte, die Kooperationen behindern oder misslingen lassen können?
2) Wie gelingt es, diese Spannungen produktiv zu machen, und gerade aus der Verschieden-artigkeit etwas Neues entstehen zu lassen? Können unterschiedliche Sichtweisen, Reibungen und sogar Rivalitäten zu einem innovationsförderlichen Klima beitragen?
3) Welche Randbedingungen machen heterogene Kooperationen erfahrungsgemäß erfolgreich und stabil? Welche Rolle spielen z.B. vermittelnde Personen? Unter welchen Bedingungen erweisen sich die Einigung auf Fragestellungen, auf ein gemeinsames Ziel, auf Standards oder auf die Verwendung derselben technischen Verfahren als fördernd, wann wirken sie hemmend?
4) Welche Konsequenzen hat die dauerhafte Beteiligung an einem Kooperationskontext für die Kooperationspartner in ihrem Heimatkontexten?

Diese Fragen wollen wir sowohl aus sozialwissenschaftlicher und historischer Perspektive diskutieren, als auch aus der Perspektive derjenigen, 'die es machen müssen', da sie selbst in heterogenen Kooperationen engagiert sind.

Ihre Vorschläge für Beiträge (mit einem kurzen Abstract) richten Sie bitte bis zum 31.Mai 2001 an

Jörg Strübing
Institut für Soziologie
Fakultät VII Architektur Umwelt Gesellschaft
Technische Universität Berlin
Franklinstr. 28/29
10587 Berlin
e-mail: joerg.struebing@tu-berlin.de

Abstracts der Beiträge

Dienel | Galison | Hillebrandt/Beck | Jonas | Lachmund | Lettkemann/Meister | Loibl | Schmoch | Shinn

Hans-Luidger Dienel

Zentrum Technik und Gesellschaft
TU Berlin
Hardenbergstraße 4-5, HAD 38
D-10623 Berlin
dienel@ztg.tu-berlin.de

Kohabitation und multidisziplinäre Arbeit.Zu den räumlichen Dimensionen multiperspektivischer Forschung

Der Beitrag soll in empirischen Fallanalysen darstellen, ob und wenn, wie die räumlichen Bedingungen multidisziplinärer Forschung Stil und Qualität der Arbeit geprägt haben und fragen, welche kooperativen Rahmenbedingungen für die Innovativität und Effizienz der Forschung besonders günstig waren. Es handelt sich also um einen Beitrag der angewandten Innovationsforschung. Eine Reihe von Forschungsgruppen am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin verwirklicht eine im universitären Kontext ungewöhnlich intensive Form multidisziplinärer Zusammenarbeit. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen sind dabei z.T. in den Instituten der beteiligten Disziplinen untergebracht, z.T. sitzen sie aber auch räumlich gemeinsam im Zentrum Technik und Gesellschaft und damit getrennt von ihren "Mutter-Disziplinen". Die Universität gilt, so wie sie in Deutschland organisiert ist, als ein Hort der Disziplin. Lehrstühle, Studiengänge und Fachbereiche betonen und kultivieren ihre disziplinäre Identität mit eigenständigen Lehrstühlen, Zeitschriften, Fachverbänden und Karrieremustern, entwickeln und garantieren disziplinäre Qualitätsmaßstäbe für die disziplinäre Forschung und vermitteln Studenten und Wissenschaftlern auf diese Weise die Sekundärtugenden ihrer jeweiligen Disziplinen. Außerhalb der Universität sind die disziplinären Identitäten weniger stark ausgeprägt. Außeruniversitäre Forschung nimmt für sich häufiger das Signum der Interdisziplinarität in Anspruch. Die Universität zerfällt dagegen in die vielen alten und neuen Disziplinen. Sie ist zünftlerisch verfaßt. Daraus ergeben sich manche Probleme, die hier nicht vertieft werden sollen, vor allem aber auch Chancen für die multidisziplinäre Forschung, die bisher in der Universität zuwenig genutzt werden. Multidisziplinarität nimmt die Disziplinen ernst, ja setzt eigenständige Disziplinen voraus. Multidisziplinäre Forschung kann nirgendwo besser betrieben werden als an der Universität mit ihren vielen Disziplinen. Sie ermöglicht unterschiedliche disziplinäre Perspektiven auf den gleichen Gegenstand, in unserem Fall auf die räumlichen und sozialen Bedingungen für nachhaltige Konsummuster. Diese Multiperspektivität ist eine gute Vorraussetzung für Analysen und Lösungsansätze, die im Diskurs deutlich machen sollen, wie gleiche oder ähnliche Sachverhalte und Konzepte aus unterschiedlichen Perspektiven verschieden gedeutet und bewertet werden. Diese Unterschiedlichkeit in der Beschreibung und Bewertung führen im Forschungsprozess oft zu konstruktiven Dissonanzen, die für die Forschung besonders furchtbar sind. Übereinstimmungen und ähnliche Einschätzungen der Sachlage aus unterschiedlichen disziplinären Richtungen sind ebenfalls aufschlußreich und keinesfalls eine Ressourcenverschwendung. Sie können vielmehr als multidisziplinäre Validierung der Analysen und Lösungsbausteine verstanden werden.

Frank Hillebrandt und Kerstin Beck

TU Hamburg-Harburg
hillebrandt@tu-harburg.de

Forschungsnotizen aus einer methodischen Reflexion der Sozionik

Sozionik ist ein interdisziplinäres Forschungsprogramm zur Entwicklung neuer Softwaretechnik, die sich am Vorbild der Sozialität orientiert. Grundlegende Forschungsdesiderata der Soziologie werden in Korrespondenz zur Multiagentenforschung der Informatik gestellt, um künstliche Sozialität nicht nur zu entwickeln, sondern auch (technik)soziologisch zu erforschen. In unserem Beitrag werden wir über Erfahrungen aus dieser inzwischen zwei Jahre andauernden interdisziplinären Forschungsarbeit berichten und die Innovationskraft sowie die Problemaspekte einer ergebnisorientierten Kooperation zwischen zwei so unterschiedlichen Disziplinen wie Informatik und Soziologie thematisieren. Dabei werden sowohl interdisziplinäre Arbeitsformen und deren Etablierung als auch die Bedeutungen und Auswirkungen von gemeinsamen, oft als zäh empfundenen Suchprozessen gemeinsamer Forschungsziele erläutert. Prozesse des Austarierens unterschiedlicher Wissenssysteme werden dabei ebenso angesprochen wie auch interdisziplinäre Lernprozesse, die beiden Disziplinen neue Forschungsperspektiven eröffnen.

Michael Jonas

Universität Dortmund
WiSo-Fakultät
D-44221 Dortmund
M.Jonas@wiso.uni-dortmund.de

Zur Kooperationsweise heterogen zusammengesetzter F&E-Konsortien in einem neuartigen kombitechnologischen Feld

Welche Erfolgs- und Misserfolgsbedingungen gelten für Kooperationen heterogener Akteure aus der akademischen Wissenschaft und der Privatwirtschaft, die auf die Entwicklung neuartiger kombitechnologischer Problemlösungen ausgerichtet sind? Dies ist die Kernfrage, die ausgehend vom Spannungsfeld zwischen den Heimatkontexten der involvierten Akteure und den jeweiligen Kooperationskontexten mit diesem Beitrag beantwortet werden soll. Als empirische Basis dienen ca. 20 Expertengespräche mit Akteuren aus drei aneinander anschließenden staatlich geförderten Verbundvorhaben, die im Rahmen des DFG-Projektes ‚Technologieentwicklung und Wandel organisationaler und institutioneller Strukturen‘ am LS Technik und Gesellschaft (Prof. Dr. H. Hirsch-Kreinsen) erhoben worden sind.

In diesen drei F&E-Konsortien arbeiten seit 1992 bis heute unter wechselnden Konstellationen höchst unterschiedliche Akteure aus Großunternehmen, KMUs, Hochschulen und Fraunhofer-Instituten daran, unter der Leitung eines Systemhauses bislang frästechnisch erzeugte Höchstfrequenzkomponenten und –systeme (aus Metall) kunststofftechnisch herzustellen, um derartige Problemlösungen überhaupt kostengünstig auf Massenmärkten anbieten zu können. Wie die empirischen Erhebungen nahelegen, hängt der Erfolg wie der Misserfolg der jeweiligen Kooperationsbeziehungen - betrachtet unter den Aspekten der Dauerhaftigkeit, der Intensität des Wissensaustausches, der räumlichen Verteilung der Akteure sowie der Wissenschafts- und Technikhaltigkeit der anfallenden Arbeiten - wesentlich davon ab, inwiefern es den zum Teil wechselnden Akteuren gelingt, sowohl konsortialbezogene Problemlösungen und Interessen (Kooperationskontext) als auch partnerspezifische Einzelinteressen (Heimatkontext) zu verfolgen und miteinander in Einklang zu bringen. Diese Schlussfolgerung soll anhand des empirischen Materials erläutert und theoretisch reflektiert werden, in dem ausgehend vom primären Aspekt der Erzeugung neuartiger Wissenbestände/Problemlösungen/Fertigungsverfahren exemplarisch auch auf die Aspekte ‚neuralgische Problembereiche der Kooperation‘, ‚förderliche/hinderliche Randbedingungen‘ sowie ‚Auswirkungen auf die jeweiligen Heimatkontexte‘ eingegangen wird.

Jens Lachmund

Max-Planck-Institut fuer Wissenschaftsgeschichte
Wilhelmstrasse 44
D-10117 Berlin
lachmund@mpiwg-berlin.mpg.de

Zwischen Wissenschaft und Planung. Heterogene Kooperation am Beispiel der Stadtökologie

Die jüngere Geschichte der Stadtplanung ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, daß neben den klassischen urbanistischen Disziplinen wie dem Städtebau, der Stadtgeographie oder der Stadtsoziologie zunehmend auch eine naturwissenschaftlich orientierte Ökologie Deutungs- und Problemlösungskompetenz auf diesem Gebiet beansprucht. So sind Flora, Fauna und Biotope in der Stadt heute Gegenstände eines weit verzweigten interdisziplinären Forschungszusammenhangs, der meist unter dem Namen der Städtökologie firmiert, und an dem neben Biologen auch Geographen, Bodenkundler oder Klimatologen beteiligt sind. Gleichzeitig haben Fragen des Arten- und Biotopschutzes in die Stadtplanung und Freiflächenpolitik Eingang gefunden und sich in vielen entsprechenden Programmen und rechtlichen Regelungen niedergeschlagen. In Form einer historisch-soziologischen Analyse der Stadtökologie in Berlin bzw. dem früheren Westberlin wird in dem Papier den Konstitutionsbedingungen und Etablierungsprozessen heterogener Kooperationsformen im Bereich einer planungsorientierten Wissenschaft nachgegangen. Ausgehend von einem Begriff von Wissenschaft als kultureller Praxis werden dabei die Aktivitäten unterschiedlicher in den Prozeß ökologischer Wissenserzeugung einbezogener Akteure (Wissenschaftler, naturkundliche Amateure, Umweltaktivisten, Administrationspersonal) und deren -- teilweise spannungsreichen -- Kooperationsmuster in ihren jeweiligen mikrosozialen Kontexten untersucht. Drei zentrale Formen dieser Kooperation werden dabei systematisch beleuchtet: 1. die Kooperation innerhalb einer Disziplingrenzen übergreifenden akademischen Expertenkultur der Stadtökologie; 2. die Kooperation zwischen dieser akademischen Expertenkultur und einer in naturkundlichen Vereinen organisierten Amateurkultur; 3. die Kooperation zwischen der akademischen Expertenkultur der Stadtökologie und der lokalen Politik und Verwaltung. In allen drei Fällen handelt es sich um heterogene Handlungszusammenhänge, innerhalb derer die Etablierung sozialer Kooperationsmuster und die Produktion und Stabilisierung eines ökologischen Wissens über die Stadt wechselseitig füreinander konstitutiv waren. Ökologische Repräsentationsformen der Stadt wie Listen, Karten, Statistiken etc. fungierten dabei gleichermaßen als "boundary objects" (Star/Griesemer), die die Einschreibung heterogener Akteursgruppen in das Praxisfeld der Stadtökologie erlaubten, wie auch als epistemische Ordnungstechniken, die die "Natur in der Stadt" als neues Wissensobjekt herauspräparierten. Das Papier geht sowohl den wechselseitigen Stabilisierungen zwischen Kooperationsformen und Wissensformen nach als auch den Spannungen und Brüchen, die die Dynamik dieses Prozesses in Gang hielten.

Eric Lettkemann und Martin Meister

Meister@ztg.TU-Berlin.de

Vom Flugabwehrgeschütz zum niedlichen Roboter Zum Wandel des Kooperation stiftenden Universalismus der Kybernetik

Eine oft geäußerte Annahme über heterogene Kooperationen lautet, dass sie auf Großtheorien angewiesen sind, die so allgemein formuliert sind, dass sie substantiellen Unterschiede zwischen Gegenstandsbereichen und disziplinären Fragestellungen übergreifen. Als Kandidatinnen werden die Systemtheorie, die Chaostheorie etc., aber auch die Kybernetik genannt. Dabei wird der übergreifende und damit Kooperation stiftende Charakter solcher Großtheorien auf ihre Fähigkeit zurück geführt, auf einer abstrakten Ebene zu vereinheitlichen (ähnlich dem Kuhnschen Paradigma), und eine „top-down“-Subsumption der disziplinären Einzelsichtweisen zu ermöglichen.

Die wenigen vorliegenden Beschreibungen des kybernetischen Denkens sind sich einig, dass der heterogene Kooperation stiftende Charakter der Kybernetik mit ihrem universalisierenden Anspruch zusammen hängt. Dabei gehen kybernetische Interpretationen (und die entsprechende Konstruktionspraxis) strikt „bottom-up“ vor: Selbst einfache mechanische Gerätschaften (etwa der berühmte Homeostat) werden als Realisationen von intelligentem Verhalten betrachtet; damit wird die „great divide“ zwischen Disziplinen, die sich entweder mit Menschen, oder mit Organismen, oder mit Maschinen beschäftigen, von vornherein ausgesetzt. Zudem ist der Gegenstand von kybernetischer Untersuchung und Konstruktion das Zusammenspiel von Mensch und Artefakt – im Gegensatz zu allen Debatten um „künstliche Intelligenz“ geht es hier um die sog. „Mensch-Maschine-Symbiose“.

Unser Beitrag gliedert sich in drei Bestandteile. Wir wollen zunächst die klassische Version (1.) und die zeitgenössische Wiederkehr (2.) des kybernetischen Universalismus darstellen; dabei steht jeweils die Ermöglichung transdisziplinärer Kooperation im Mittelpunkt. Anschließend wenden wir uns der Frage zu, wie sich die Wiederkehr dieser „lange verdrängten“ Denkungsart erklären lässt (3.). Im einzelnen:

(1.) Die klassische Kybernetik hatte ihren Entstehungsort in den multidisziplinär zusammen gesetzten Entwicklungslabors des 2. Weltkrieges. Das paradigmatische Gerät war Norbert Wieners teilautomatische Flugabwehrkanone, die in der Lage sein sollte, die feindlichen Absichten des (Nazi)Flugzeuges vorherzusehen (Peter Galison hat das als den „manichäischen“ Charakter der frühen Kybernetik bezeichnet). Innerhalb weniger Jahre wurde aus diesem Grundansatz eine universelle „bottom-up“-Theorie aller Varianten intelligenten Verhaltens, mit der die Trennung von mechanischen, informatischen, psychologischen und sozialen Faktoren aufgehoben wurde.

(2.) Diese Denkungsart trat von den 50er bis zu Beginn der 80er Jahre in den Hintergrund; kybernetische Theorien wurden nurmehr als ein Inspirationspool für Systemtheorien in verschiedensten Disziplinen verwendet, und die konstruktive Seite der Kybernetik wurde zur rein ingenieurialen Steuerungs- und Regelungstechnik. Seit Mitte der 80er Jahre gibt es dann so etwas wie eine „Neokybernetik“ – in der Robotik etwa berufen sich alle jene Forschenden auf diese Traditionslinie, die verkörperte und „real world“-fähige Automaten bauen wollen. Dieser neue (alte) „bottom-up approach“ ist für Forschende aus der KI, der Informatik, den Ingenieurwissenschaften, der Biologie und der Psychologie gleichermaßen attraktiv, und stiftet langfristige Kooperationszusammenhänge. Das kybernetische Gerät kommt allerdings nicht als Feind, sondern als Freund – als schlaue Haushalthilfe, als intelligentes Spielzeug, und als „smarte“, die sog. „Kolalateralschäden“ vermeidende Waffe.

(3.) Dieser Wandel des kybernetischen Universalismus von der Vernichtung des Feindes zur Konstruktion des mechanischen Freundes ist nicht einfach zu erklären. Ein schlichter sozialkonstruktivistischer Ansatz könnte zwar behaupten, dass die Robotiker sich eine Traditionslinie „erfinden“, um wissenschaftliche Reputation zu gewinnen. Das aber wäre banal, und es blendet aus, dass von Shannons „Ratte“ über Walters „Schildkröten“ zu Braitenbergs „Vehikeln“ tatsächlich eine historische Linie der spielerisch-niedlichen kybernetischen Apparaturen besteht. Für das Tagungsthema ist dann die Frage, wie und wo der Kooperation stiftende Universalismus der Kybernetik drei Jahrzehnte quasi „überwintert“ hat. Wir können hier nur die folgenden möglichen Antworten zur Diskussion stellen:

Universalistische Interpretationen wurden in die Geräten und Verfahren „eingeschrieben“ und so zur „black box“; erst neue Anforderungen machen eine Öffnung und Reinterpretation erforderlich.

Als Variante: Die kybernetische Denkungsart wurde hauptsächlich in den Geheimzirkeln der großindustriellen und militärischen Computersysteme gepflegt; erst der Zusammenbruch des Techno-Regimes des kalten Krieges setzt den Universalismus wieder auf die Tagesordnung der wissenschaftlichen und zivilen Öffentlichkeit.

Die Kybernetik und damit auch ihr Kooperationsmodell wurde für Jahrzehnte vom Theorieimperialismus der symbolischen KI marginalisiert.

Der Kooperationsimpuls der Kybernetik konnte nicht entfaltet werden, da sie nur an den Rändern einzelner Disziplinen „überwintern“ konnte, die nicht im Zentrum der Ursprungskonstellation standen – etwa der Hirnforschung, der Informationstheorie, oder der Softwareentwicklung.

Celine Loibl

Österreichisches Ökologie-Institut
Arbeitsbereich Planung
Seidengasse 13
A-1070 Wien
loibl@ecology.at

How do you do - it? Projektorganisation und Methodeneinsatz in interdisziplinären Forschungsteams, Präferenzen nach Wissenschaftskulturen und institutionellen Zugehörigkeiten

Interdisziplinäre Forschung wird sowohl überschätzt als auch unterschätzt. Höchsten Erwartungen hinsichtlich Analysequalität, Praxisnähe und Problemlösungskapazität auf der einen Seite stehen auf der anderen Seite vernichtende Kritikpunkte gegenüber:
· Formulierung unerfüllbar überhöhter ´ganzheitlicher´ Zielansprüche
· Minimaler Überschneidungsbereich der hochspezialisierten Fachsprachen und dadurch ungenügende Stimulierung gemeinsamer neuer Erkenntnisse
· Tendenz zu unproduktiven Zirkelschlüssen aufgrund des unauflösbaren Begriffswirrwarrs zwischen den Fachdisziplinen
· Aufwendige Neuformulierungen bekannter Aussagen statt innovativer Problemlösungen und
· Unfähigkeit zu ´effektiver´ Zusammenarbeit mit Praktikern und Betroffenen

Aus Unbehagen über diese widersprüchlichen Einschätzungen und aus Neugier wie Kooperationserfahrungen und Umsetzungserfolge fachübergreifender Forschungsteams tatsächlich aussehen, entstand Mitte der Neunziger Jahre eine fünfjährige Begleitforschung zur Österreichischen Kulturlandschaftsforschung. Dieses große interdisziplinäre Umweltforschungsprogramm startete 1995 und befindet sich nun in der Synthesephase. Das Finanzierungsvolumen beträgt rund 33 Millionen DM und wird zu zwei Dritteln vom Wissenschaftsministerium getragen. In den 70 bisher beauftragten Projekten des Programmes sind 500 Forschende aus 40 Disziplinen beteiligt. Diese stammen aus insgesamt 170 universitären, öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen sowie aus NGO´s, Planungsbüros und Beratungseinrichtungen . Ziel der Begleitforschung war es zu untersuchen, auf welche Weise sich die beobachteten interdisziplinären Forschungsteams intern organisierten, mit welchen Methoden sie arbeiteten, welche Schwierigkeiten im Rahmen der Zusammenarbeit auftraten, wie mit diesen Schwierigkeiten umgegangen wurde, wie sich die Projekte untereinander vernetzten und wie sie ihre Ergebnisse an die Anwender weitergaben. Gearbeitet wurde mit in erster Linie mit offenen Befragungen und qualitativer Auswertung der 60 ca. zweistündigen Interviews.

Ende der Neunziger Jahre wurde der Blickwinkel der Begleitforschung über die österreichische Grenze hinaus erweitert, drei weitere zusätzliche Umweltforschungsprogramme wurden in die Untersuchung aufgenommen um eine vergleichende Analyse der Auswirkungen unterschiedlicher Förderbedingungen auf interdisziplinäre Forschungsprozesse zu ermöglichen. Im Zuge der Begleitforschung war deutlich geworden, dass ein Ausblenden dieser hochwirksamen Kontextsteuerung zu wissenschaftlich nicht vertretbaren Informationsverlusten bzw. zu einer allzu starken Einschränkung des Bedeutungsrahmens der Untersuchungsergebnisse geführt hätte.

In der internationalen Erhebung wurde mit umfangreichen standardisierten Fragebögen und mit quantitativen Auswertungsverfahren gearbeitet. Die 600 ForscherInnen und Forscher der vier untersuchten Programme wurden befragt wie in ihren interdisziplinären Projekten Arbeitsteilung und Entscheidungsfindung organisiert waren, welche Erfahrungen sie mit Kommunikation und Teamentwicklung sowie mit Leitungs- und Teamkompetenzen gemacht hatten, welchen persönlichen Nutzen sie aus der Projektmitarbeit gezogen hatten und wie Projektentwicklung, Theoriebildung, Sprachfindung, Ergebnisintegration, Praxisanbindung und Produktentwicklung abgelaufen waren. (www.d-a-c-h.net).

Das empirische Material wurde mit Hilfe eines Modells ausgewertet, das die disziplinäre und organisationale Teamzusammensetzung in den Mittelpunkt der Analyse stellt. Mit Hilfe quantitativer Verfahren wurde untersucht, in welchen Belangen sich die forschungsmethodischen und projektorganisatorischen Erfahrungen und Vorlieben der ForscherInnen je nach Wissenschaftskultur und institutioneller Zusammengehörigkeit unterschieden und welcher Art die Bewertungsunterschiede sind. Zusätzlich wurde geprüft, ob - und wo - sich signifikante Differenzen zwischen den Prioritäten von Männern und Frauen zeigen.

In der Präsentation könnten - so Interesse daran besteht - nach einer kurzen Beschreibung des Analysemodells die Kernergebnisse der Untersuchung vorgestellt werden. Sinnvoll wäre es in diesem Zusammenhang auch, Querverbindungen zu ausgewählten Resultaten der qualitativen österreichischen Begleitforschung zu ziehen. Beispielsweise in Form von Hinweisen auf charakteristische Konfliktverläufe, wie sie sich aus den quantitativ nachgewiesenen unterschiedlichen Werthaltungen in interdisziplinären und transdisziplinären Forschungsteams ergeben.

Ulrich Schmoch

FhG-ISI, Karlsruhe
Ulrich.Schmoch@isi.fhg.de

Kooperation von Hochschulen und Unternehmen in forschungsintensiven Technologien

Hochschulen und Unternehmen haben deutlich unterschiedliche Ziele und entwik-keln daher deutlich unterschiedliche Formen der Institutionalisierung. Dennoch ist eine zunehmende Kooperation dieser Akteure im Bereich forschungsintensiver Technologien zu beobachten, die als heterogene Kooperation charakterisiert werden kann. Es stellt sich daher die Frage, wo gemeinsame Interessen liegen, die trotz oder offensichtlichen "Kulturunterschiede" eine Interaktion begünstigen. Umgekehrt ist zu fragen, welche Konfliktpunkte bestehen und ob diese möglicherweise in ihrer Bedeutung überschätzt werden. Eine Hypothese wäre auch, dass sich die Differen-zen der Orientierung zwischen Hochschulen und Unternehmen – oder allgemeiner zwischen den Systemen Wissenschaft und Wirtschaft – im Rahmen der Kooperation verringern und es zu einer Konvergenz der Institutionen kommt.

Ausgehend von dieser Problemstellung wurden drei forschungsintensive Technolo-giefelder in Fallstudien näher untersucht, wobei insbesondere die Perspektive der Hochschulen in heterogenen Kooperationen im Mittelpunkt stand. Nach den Ergeb-nissen dieser Untersuchung bezieht sich das gemeinsame Interesse der Akteure auf Technologie, die ein breites Spektrum der Wissensformen von Realisationswissen bis hin zu Theoriewissen umfasst. Hochschulen begeben sich mit ihren Arbeiten zwar teilweise in den Bereich des Realisationswissens, Unternehmen teilweise in den Bereich des Theoriewissens. Grundsätzlich gibt es aber eine klare Arbeitstei-lung und damit eine unterschiedliche Orientierung, die eine Interaktion überhaupt erst interessant macht. Konflikte bestehen weniger – wie oft unterstellt - in der Kommunikation, sondern vor allem in der Fristigkeit der Forschungsperspektive, die ein beständiges Aushandeln von Kompromissen erforderlich macht. Heterogene Kooperationen implizieren heterogene Institutionalisierungen, womit die Akteure sich fortwährend mit verschiedenen Orientierungen auseinandersetzen müssen. Die-ses ist aber kein zentrales Problem, sondern vielmehr ein wesentlicher Ansatzpunkt zur Überwindung von Rigiditäten, wie sie in homogenen Institutionalisierungen angelegt sind. Zum Verständnis heterogener Kooperationen ist schließlich wesent-lich, dass Interpenetrationen von Technologie und Wissenschaft einerseits und Technologie und Wirtschaft andererseits bestehen. Bei Technologie und Wissen-schaft lässt sich ihr Verhältnis als partielle Dualität beschreiben, die das Engage-ment von Hochschulen verständlich macht. Das Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft ist dagegen weitgehend indirekt und wird über Technologie vermittelt.

Terry Shinn

Sociology and History of Sciences
CNRS/GEMAS, Paris, France
shinn@alize.msh-paris.fr

Heterogeneous Cooperations, Boundary-Crossing, and Transverse Knowledge Regimes

In this talk the speaker will present two forms of heterogeneous cooperation - "dissipative" heterogeneous cooperation versus "sustained" heterogeneous cooperation. Most heterogeneous cooperation is of the dissipative kind. Is this inescapable? What are the conditions required by sustained heterogeneous cooperation?

In academia, dissipative heterogeneous cooperation arises when experts from divergent fields converge in order to work together on original problems, thereby sometimes founding new specialties (cell biology). In industry, dissipative heterogeneous cooperation takes place in newly created, separate organizational units that are designed to initiate cooperation between entrenched groups (say between manufacturing, research, design and so forth). However, once the new specialty or new interorganizational entity is established, the process of heterogeneous cooperation is spent, decaying into institutionalized homogeneity.

A strong program of sustained heterogeneous cooperation occurs in research-technology - a historically recent and little studied transverse science and technology regime. The research-technologist develops "generic instrumentation" (ultracentrifuge, laser, rumbatron, Salsbury engine, Fourier transform spectroscopy etc.), whose general instrument principles are re-embedded in numerous academic, metrological, and production spheres. Practitioners operate in an "interstitial" arena between these groups and engage in constant boundary-crossings. They exhibit a complex division of labor, sometimes safeguarding themselves from short-term user demands, and at other moment involving themselves with heterogeneous audiences. This transverse movement between academia, metrology, and enterprise is the key to the research-technologist's identity.

This talk will close with a discussion of interdisciplinarity and mode 2 New Production of Knowledge as possible instances of sustained heterogeneous cooperation, and with a request by the speaker for suggestions from the public for additional forms of sustained heterogeneous cooperation.

Tagungsbericht

Tagungsbericht “Erfolgsbedingungen heterogener Kooperationen”
30.11.-02.12.2001 an der TU Berlin

Im Abendvortrag am Freitag stellte Terry Shinn (Paris) unter dem Titel “Heterogeneous Cooperations, Boundary-Crossing, and Transverse Knowledge Regimes” die Arbeit der “research technologists” als eine der seltenen Formen von auf Dauer gestellter heterogener Kooperation vor. In den meisten Fällen, so seine Grundunterscheidung, liegt bei der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie “dissipative heterogene Kooperation” vor, die zwar zunächst einen “hybriden” Charakter aufweist, aber mit der Zeit der Tendenz zur Ausbildung neuer Einheitlichkeiten nicht entgehen kann: “new specialities turn into old specialities”. Damit zerfällt dann auch ihr ursprünglich innovativer Charakter. Ganz anders der Fall der “research technologists”, die zu keiner Zeit einer bestimmten Institution angehören, ständig etablierte Grenzen überschreiten, und deren “generic devices” in vielfältigen (Anwendungs)Kontexten benutzt werden. Dennoch werden Grenzen um die eigenen Forschungsarbeiten errichtet, um Freiräume für die Weiterentwicklung der generischen Instrumente schaffen, was Shinn als “Semi-Institutionalisierung“ bezeichnet. Die Tendenz zur Vereinheitlichung wird in diesem Fall, so deutete Shinn bei aller Warnung vor Übergeneralisierungen abschließend an, dadurch vermieden, dass ein geteiltes sprachliches oder konzeptuelles Verständnis dieser Instrumente nicht notwendig ist. Wechselseitige Anschlussfähigkeit und Zusammenarbeit wird eher durch Analogien sowie durch eine “language of evocation” hergestellt.

Die Einzelbeiträge begannen am Samstag morgen mit Ulrich Schmoch (Karlsruhe) zum Thema “Kooperation von Hochschulen und Unternehmen in forschungsintensiven Technologien”. Grundlage der Ausführungen waren empirische Untersuchungen zu Feldern wie Lasermedizin, neuronale Netze oder Pflanzenbiotechnologie, die sich alle dadurch auszeichnen, dass sie neben dem Vermarktungsinteresse auch direkt “erkenntnisorientiert” sind. Schmoch wies zunächst darauf hin, dass die Unterscheidung von Wissenschaft und Technik häufig eine Frage der unterschiedliches Publikum adressierenden Inszenierung ist, und dass die Hochschulforschung selbst wohl immer schon heterogen institutionalisiert gewesen ist. Dennoch bleibt die Fragestellung, wie die ersichtliche Differenz der Institutionalisierungen, aber auch der “Kulturen” von Wissenschaft und Industrie erfolgreich überbrückt werden kann. Hier stellte Schmoch erstens die These auf, dass Technologie als ein eigenständiges soziales System verstanden werden kann (wenn etwa Ingenieure zwischen verschiedenen Unternehmen, aber auch Hochschulen kommunizieren). Und er hielt zweitens daran fest, dass eine gemeinsame Grundlage vorhanden sein muss, und zwar geteilte Interessen – was nur funktionieren kann, wenn die bearbeiteten Themen hinreichend komplex sind.

Michael Jonas (Dortmund) stellte unter dem Titel “Zur Kooperationsweise heterogen zusammengesetzter F&E-Konsortien in einem neuartigen kombitechnologischen Feld” erste Ergebnisse einer Studie zur Mikrosystemtechnik vor. Am konkreten Beispiel des Versuches, bislang frästechnisch erzeugte Höchstfrequenzkomponenten (aus Metall) kunststofftechnisch herzustellen, wurden die Voraussetzungen und Schwierigkeiten geschildert, die mit Ausbildung einer gemeinsamen “Wissenspraxis” zwischen heterogenen Partnern einher gehen. Dabei ist eine solche gemeinsame Praxis notwendig, denn ein rein lineares Optimierungsmodell würde (auf Grund der Kosten) nur eine einmalige Implementierung mit vollkommen offenem Ausgang bedeuten, während eine iterative Vorgehensweise zu aufwendig wäre. Die notwendige “Teamgusstechnik”, also die Ermöglichung der Kooperation, scheint u.a. mit der Entwicklung einer kollektiven Demonstratorentwicklung zusammen zu hängen.

Im anschließenden key note talk gab Peter Galison (Harvard) einen breiten Überblick über die sozialtheoretischen Verallgemeinerungen, zu denen ihn seine historischen Untersuchungen über die Physik des 19. Und 20. Jahrhunderts geführt haben. Seine Grundfeststellung ist die grundsätzliche “disunity” der verschiedenen (Sub)Kulturen der Physik, die sich weder konzeptionell noch sozial auf etwas Vereinheitlichendes zurück führen lässt. Galison schlägt vor, über diese “disunity” auf vier unterschiedlichen Ebenen i.S. der Zurückweisung von falschen Dichotomien nachzudenken. Die erste Dichotomie betrifft die Gegenüberstellung einer universellen Kontinuität der Naturerkenntnis und der Vorstellung der Brüche zwischen unverbundenen paradigmatischen “Blöcken”; hier schlägt Galison eine vielfache Verzahnung der eigenständigen (Sozial)Geschichten der Theorien, der Experimente und der Instrumentierung vor. Die zweite falsche Dichotomie besteht zwischen universeller Beschreibungssprache und Übersetzungen zwischen ganz getrennten Sprachwelten; als Alternative weist Galison auf die Kooperation ermöglichende Potentialität von Handelssprachen (Pidgins und Creoles) hin, und mathematische Verfahren oder Computerprogramme können so als “wordless creoles” interpretiert werden. Die dritte Dichotomie besteht zwischen holistischem Kontext (der jeweilige soziale Kontext wird für alles verantwortlich gemacht) und ideengeschichtlichem Platonismus; Galisons Antwort ist weder-noch: “science moves piecemeal”, in Form von vielfältigen De- und Relokalisierungen. Die vierte falsche Dichotomie betrifft schließlich die Frage, ob wissenschaftliche Betätigung als “Verdunstung des Materiellen” oder als “Kondensation von Ideen” aufgefasst werden sollte; Konventionen und Standards etwa lassen sich, so Galison, weder auf die eine oder die andere Weise beschreiben. Mit der Thematisierung der letzten beiden Dichotomien wird wohl eher ein konzeptioneller Raum für neue Beschreibungsweisen erst eröffnet. Für viele wissenschaftlich-technologische Kooperationen aber scheint die Abkehr von den genannten Dichotomien notwendig zu sein, z.B.: “Doing an intellectual history of the computer in the 1990ies would be complete nonsense”.

Liudger Dienel (Berlin) befasste sich unter dem Titel “Kohabitation und multidisziplinäre Arbeit” mit “den räumlichen Dimensionen multiperspektivischer Forschung”. Auf Grund von historischen Überlegungen und der eigenen Beobachtung am Zentrum “Technik und Gesellschaft” der TU Berlin vertrat er die These, dass die Nutzung gemeinsamer Räumlichkeiten die Erfolgschancen multidisziplinärer Kooperationsprojekte in vielfältiger Weise erhöhen kann, da neben dem “sanften Zwang zur Verständigung” auch ein Assoziationsraum für Ziele und Träume entstehen kann. Auch die Frage der Qualitätssicherung, im Universitätssystem als disziplinäres peer-review institutionalisiert, können so durch eine Art “multidisziplinäre Validierung” ergänzt werden, d.h. durch eine beständige Überprüfung, ob aus unterschiedlichen Perspektiven “das Gleiche heraus kommt”. Da die einfache Abkehr von der universitären Segmentierung nach Disziplinen allerdings zwangsläufig zu wissenschaftlicher “Heimatlosigkeit” führt, hielt Dienel ein engagiertes Plädoyer für das “zwei-Schreibtische-Prinzip” – einen am Ort des multidisziplinären Projektes, einen im jeweiligen Institut.

Den kleinen ‚high-tech-Block‘ der Tagung eröffneten Kerstin Beck und Frank Hillebrandt (Hamburg) mit einer Übersicht der ethnographischen Begleitforschung zum DFG-Forschungsschwerpunkt Sozionik (der Zusammenarbeit von SoziologInnen und InformatikerInnen). Unter dem Titel “Forschungsnotizen aus einer methodischen Reflexion der Sozionik” schilderten sie zunächst die Materialerhebung der Begleitforschung. Als Stabilitätsbedingungen solcher Kooperationsprojekte wurden genannt: die Wahrung des Anschlusses an den jeweiligen disziplinären Kontext, die gemeinsame Textproduktion, der kontinuierliche Austausch zwischen den Tandemprojekten, sowie die Wahrung einer Balance zwischen innovativen Ideen und dem jeweiligen disziplinären Routinewissen. Da diese Begleitforschung noch am Anfang steht und v.a. noch nicht an die Sozionikprojekte zurück gespiegelt wurde, lässt sich noch nicht sagen, wie die angestrebte “rekursive Rückbindung” der ethnographischen Begleitforschung in den gesamten interdisziplinären Forschungsprozess gelingen kann. Hier wird es wohl spannend sein, wie die ProjektmitarbeiterInnen auf die ‚Aufdeckung‘ von “implizitem Wissen” und besonders von “Fallstricken” der interdisziplinären Kooperation reagieren werden ...

Eric Lettemann und Martin Meister (Berlin) behandelten unter dem Titel “Vom Flugabwehrgeschütz zum niedlichen Roboter” den “Wandel des Kooperation stiftenden Universalismus der Kybernetik”. Zunächst wurde die Entstehung der klassischen Kybernetik geschildert, die als kooperative Unternehmung durch einen an die Geräte gebundenen Universalismus begründet und zusammen gehalten wurde. Nach einer fast drei Jahrzehnte währenden Phase des ‚Abtauchens‘ der Kybernetik wird in jüngster Zeit, v.a. in der Robotik, wieder auf den kybernetischen Universalismus zurück gegriffen, und es formierten sich entsprechend heterogen zusammen gesetzte (Sozial-, Natur- und Ingenieurswissenschaften übergreifende) Projekte. An diesen Befund schlossen die Autoren eine Frage und ein Rätsel an. Die Frage ist, wo der kybernetische Universalismus (und der darin eingeschriebene Kooperationsimpuls) quasi ‚überwintert‘ hat; neben einer Reihe von Antworten aus der Wissenschaftsforschung wurde die These formuliert, dass es eine inoffizielle Tradierung der Kybernetik in exemplarischen, aber spielerischen Gerätschaften gibt. Das Rätsel besteht darin, wie sich der inhaltliche Wandel der kybernetischen Apparatur vom ultimativen Kriegsmittel zum robotischen Freund und Helfer erklären lässt – und das ist eben ein wirkliches Forschungsrätsel.

Marie Céline Loibl (Wien) schilderte unter dem Titel “How do you do it? Projektorganisation und Methodeneinsatz in interdisziplinären Forschungsteams” die Vorgehensweise und einige prägnannte Ergebnisse einer großangelegten Studie zu Kooperationen im Bereich der Nachhaltigkeitsforschung in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Die Studie war angelegt als eine Erhebung der Einschätzungen und Präferenzen der Forschenden, wobei die Faktoren der unterschiedlichen Bewertung je nach Wissenschaftskultur (natur- oder sozialwissenschaftlich) sowie je nach institutioneller Zugehörigkeit (Uni oder private Forschungseinrichtung) heraus gearbeitet wurden. Ergebnis war die Freilegung einiger wesentlicher Spannungslinien, deren Kenntnis es ermöglichen kann, Konfliktherde in interdisziplinärer Kooperation zu erkennen bzw. Spannungen wissenschaftlich produktiv zu nutzen. So dürften sich SozialwissenschaftlerInnen ‚ertappt‘ fühlen, wenn ihre Neigung, auf der Notwendigkeit einer gemeinsamen Metatheorie zu bestehen, der Präferenz der NaturwissenschaftlerInnen gegenüber gestellt wird, spezielle Integrationsstrategien und -verfahren einzusetzen und Teilaufgaben zu delegieren – um dann auf einen produktiven Prozess zu vertrauen.

In seinem Beitrag “Zwischen Wissenschaft und Planung” rekonstruierte Jens Lachmund (Berlin) verschiedene Phasen “heterogener Kooperation am Beispiel der Stadtökologie”. Am Beispiel der frühzeitig einsetzenden Entwicklung in Berlin lässt sich nicht nur die gängige Entgegensetzung von Stadt vs. Natur historisch in Frage stellen, sondern es lassen sich die jeweils involvierten Akteursgruppen und die wichtigsten Praktiken der ökologischen Erfassung der städtischen Fauna und Flora recht deutlich als drei aufeinander folgende “Kooperationsregimes” bezeichnen. Zunächst wurden von Vereinen unter hoher Beteiligung von Laien Inventare erstellt, die in rein sprachlicher Form (Zettelkästen) niedergelegt wurden. Mit der beginnenden wissenschaftlichen Stadtökologie wurde das Wissen dann zunehmend in gerasterten Karten repräsentiert. Lachmund verfolgte dann im Detail, wie die erst später ins Spiel gekommene, aber zunehmend wichtigere Stadtpolitik und –planung auch den Charakter der repräsentierenden Karten veränderte. In der Verallgemeinerung lässt sich sagen, dass das kooperationsrelevante Wissen bzw. das Zustandekommen der Kooperation sich ohne die genaue Betrachtung der jeweiligen Form der Verkörperung dieses Wissens nicht erklären lässt; hier plädiert Lachmund für einen Perspektivenwechsel von der Vorstellung der Repräsentationsformen als äußerliche Medien zu Interaktion (resp. Kooperation) stiftenden Mediatoren oder “boundary objects”.

Podiumsdiskussion
Unter dem Titel „Boundary work. Creating productivity in between“ diskutierten abschließen Gerd Bender (Dortmund), Terry Shinn (Paris), Bernward Joerges und Martin Meister (beide Berlin) moderiert von Jörg Strübing (Berlin) einige Aspekte des theoretischen Ertrags der verschiedenen Beiträge der Tagung. Unterstrichen wurde dabei die Feststellung, dass Heterogenität als Modus von Kooperationsbeziehungen kein neues Phänomen ist, sondern eine Typik von Kooperation in Wissenschaft und Technik darstellt: Nicht Heterogenität ist der Sonderfall, sondern die Entstehung und Existenz mehr oder weniger homogener Handlungsfelder. Neu ist allenfalls eine Veränderung im Verhältnis zwischen Bereichen, die eher von Heterogenität geprägt sind, und solchen von eher homogener Beschaffenheit sowie die Entdeckung der ressourciellen Bedeutung von Heterogenität etwa als Motor von Innovationen. In diesem Zusammenhang wurde auf die Bedeutung der Artikulation und des aktiven Umgangs mit Heterogenität hingewiesen. Fragen, die daran anknüpfen, seien vor allem solche nach der Verstetigung der „between-ness“: Ist es möglich, eine Karriere ‚zwischen’ den organisationalen Feldern der beteiligten/angrenzenden Fachgebiete zu entwickeln? Führt erfolgreiche heterogene Kooperation eher zur Etablierung einer neuen Fachdisziplin im Überschneidungsbereich der alten oder zu einer verstärkten Re-Integration in die Herkunftsgebiete?

Tagungsband

Die Beiträge zur Tagung sind bei Leske + Budrich erschienen:

Kooperation im Niemandsland

Strübing, Jörg, Ingo Schulz-Schaeffer, Martin Meister und Jochen Gläser (Hg.) 2004, Kooperation im Niemandsland. Neue Perspektiven auf Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technik. Leske + Budrich: Opladen.