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Call for Papers (pdf) Jahrestagung der Gesellschaft für Wissenschafts- und Technikforschung Organisation: Stefan Böschen, Marc Torka. Prekäre Autonomien
Der Autonomiebegriff spielt sowohl in der Wissenschafts- als auch in der Technikforschung seit ihren Anfängen eine zentrale Rolle. Je nach Perspektive bekommt dieser Begriff allerdings sehr unterschiedliche Bedeutungen. Das Prinzip der Autonomie wird hochgeschätzt und ist verfassungsrechtlich in der Forschungsfreiheit fixiert. Große Aufmerksamkeit erlangen immer wieder Warnungen, dass die Wissenschaft ihre Autonomie aufs Spiel setze, wenn sie sich den Prozeduren und Formalisierungen zunehmender Kontrolle und Evaluationen unterwirft oder diese sogar selbst forciert. Autonomie gewährt also individuellen Freiheitsraum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und kann in einer Spannung zu sozialer Verantwortung stehen. Mehr noch: Autonomie kann bedrohend sein, wenn sie von Techniken oder Artefakten ausgeht, die Individuen oder Kollektive in ihren Handlungsfreiheiten einschränken oder manipulieren können. Nicht einfach, im Grundsatz prekär, ist das Verhältnis von wissenschaftlicher Autonomie und der Verwertung bzw. Instrumentalisierung ihrer Ergebnisse in wirtschaftlichen und technischen Produkten mit Zerstörungspotenzial bis hin zur Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen. Im Rahmen der Tagung sollen deshalb Debatten zusammengeführt werden, die bislang weitgehend unverbunden geblieben sind, und so die Bedeutungsvielfalt von Autonomie konzeptionell wie empirisch ausgeleuchtet werden. Die Wissenschaftsforschung hat stets das in der Gesellschaft durch die Forschungsfreiheit institutionalisierte Prinzip der Autonomie reflektiert. Dabei war und ist erstens strittig, ob und in welcher Hinsicht Wissenschaft als ein mit Regeln eigener Art ausgestatteter autonomer Handlungsbereich anzusehen oder ob Forschungsfreiheit überhaupt ein wünschenswerter Zustand ist. Diese Problematisierungen wurden durch theoretische (z.B. Sozialkonstruktivismus und Steuerungstheorie) und methodische (z.B. Alltag im Labor) Analysen befeuert. Zweitens finden sich auch Konjunkturen, da diese Debatten vor allem in Krisenzeiten geführt werden, in denen Integrität, Eigenwert und Akzeptanz von Wissenschaft in Frage stehen. So hat bekanntlich Merton (1942) unter dem Einfluss des Krieges auf die Notwendigkeit eigensinniger normativer Strukturen in der Wissenschaft hingewiesen, Vannevar Bush (1945) mit dem linearen Innovationsmodell die argumentative Grundlage zur öffentlichen Förderung von Grundlagenforschung auch in Friedenszeiten geliefert oder Michel Polanyi (1962) die autonome Wissenschaftsgemeinschaft als Modell einer freiheitlichen Gesellschaft propagiert und gegen staatliche Eingriffe verteidigt. Diese Auffassung wirkt angesichts der Ideen von Wissensgesellschaft und Audit Society immer mehr als Wiederschein aus einer vergangenen Zeit. Vor diesem Hintergrund ist heute weniger von autonomen Handlungsbereichen die Rede, vielmehr geraten zunehmend deren Hybridität, Entgrenzt- oder Entdifferenziertheit in den Blick. Entsprechend bestimmt die Analyse von Leistungsbeziehungen zu (politischen und wirtschaftlichen) Umwelten, von neuen Steuerungsformen und Leitungsstrukturen oder von neuen Rechtfertigungs- und Legitimierungsweisen die Forschungsagenda. Wie weit diese Einflussnahmen reichen, ob die wissenschaftlichen Produktionsweisen, Kooperationsformen, Normengefüge und damit Autonomiepotentiale sich grundsätzlich wandeln, ist allerdings bis heute ungeklärt. Die Technikforschung befasst sich ebenfalls von ihrem Beginn an theoretisch und empirisch mit Fragen der Autonomie. Im Zentrum steht hier die Reflexion des Autonomiestatus von Technik. In der Frage nach der Handlungsträgerschaft von Technik erfährt diese Debatte gegenwärtig eine umstrittene Zuspitzung. Techniken haben zugleich das Potential, Autonomie zu befördern (z.B. Kommunikationstechnologien im Arabischen Frühling) und etwa in Form von (verselbständigten) Kontroll- oder Überwachungstechniken zu beschränken. Summarisch lässt sich auch hier festhalten, dass das Verhältnis von Technik und Autonomie nur unzureichend geklärt ist. Vor diesem Hintergrund widmet sich die GWTF-Jahrestagung der Autonomiethematik in einer breiten interdisziplinären Perspektive und möchte zur Klärung grundsätzlicher Fragen in verschiedener Hinsicht beitragen:
Wir suchen Beiträge, die sich mit der Autonomie von Wissenschaft und Technik angesichts der eingangs skizzierten Bedeutungsvielfalt in theoretischer, empirischer oder normativer Hinsicht auseinandersetzen und dabei Einzelaspekte, Querschnittsperspektiven oder auch das Verhältnis von Autonomie in Wissenschaft und Technik aufarbeiten. Beispielsweise kann der Frage nach der Autonomie in Relation zu spezifischen Technikfeldern - etwa im Kontext der Gentechnologien, aber auch von Robotik-Systemen - diskutiert werden. Eine weitere zentrale Relation ist die zwischen Autonomie und Organisation. Gerade die Evaluation zur internen Verarbeitung externer Erwartungen hängt mit Fragen der Organisation aufs engste zusammen, z.B. mit Blick auf potenzielle Verschiebungen für Rahmungen und Praktiken von Autonomie. Einreichungen erbitten wir bis zum 30. Juni, Rückmeldungen über die Annahme der Präsentationen geben wir bis zum 1. September. Die Einsendung von Abstracts im Umfang von max. 1 Seite (3.000 Zeichen incl. Leerzeichen) bitte an: Stefan.boeschen@kit.eduMarc.torka@wzb.eu Tagungsort: |
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Zuletzt aktualisiert am 13.05.2013 [zum Seitenanfang] |